Geheimtipps im Dachstein Salzkammergut

Text Hannah Röther Bild Andreas Meyer
Geschichten

Abseits von Touristenhotspots

Das Salzkammergut ist weltberühmt: das Marmorschlössl von Kaiserin Sisi, das älteste SalzBergwerk der Menschheit und der härteste Radmarathon Österreichs werden jährlich von tausenden Touristen besucht. Nicht von uns. Wir haben uns lieber mit Menschen getroffen, die man in keinem Reiseführer findet – und so hinter der PostkartenKulisse ein ursprüngliches Mountainbike Paradies entdeckt.

Kurz vor dem Ziel wird es noch mal steil. Richtig steil. Ohne Motoren müssten wir längst schieben, so aber geht es stetig bergauf über den groben, weißen Schotter. Rechter Hand offenbart sich das Panorama als regelrechtes Auenland: sanft geschwungene Hügel, immer wieder durchbrochen von schroff in den Himmel ragenden Felsmassiven. Die Filmkulisse ist perfekt, als wir hinter der nächsten Wegbiegung plötzlich in ein sanftes, braunes Augenpaar blicken. Ein stämmiger Kaltblüter versperrt uns den Weg, eine Handvoll weitere Pferde grasen auf den angrenzenden Weiden. Weit und breit ist kein Zaun zu sehen. Ohne Streicheleinheiten geht’s jetzt nicht weiter. Natürlich weiß ich, dass diese Vierbeiner sehr wohl Besitzer haben – aber hier oben, so weit weg von den Touristenattraktionen und dem Trubel am Hallstätter See, untermalen sie doch das Gefühl von Freiheit. Es ist der erste von vielen Momenten, in denen ich mir eingestehen muss, dass ich das Salzkammergut unterschätzt habe, mich habe verunsichern lassen von seinem Weltruhm und hundertfach fotografierten Motiven. Unsere Tour hoch zur Plankensteinalm ist wie ein erster Schritt hinter die Kulissen. „Gar nicht mal so übel hier“, gebe ich laut zu. Das Pferd schnaubt zustimmend.

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Leni von der Plankensteinalm.

Geheimtipps im Dachstein Salzkammergut

Der neue Brunnen an der Plankensteinalm wird in Form gebracht.

"Ich bin der Geheimtipp" - Leni von der Plankensteinalm

Den Weg hierher hat uns Christopher Unterberger, Projektleiter beim Tourismusverband, ans Herz gelegt. Eigentlich führt die Seekarrunde unterhalb der Alm vorbei, der Abstecher ist nicht vorgesehen. Er hat versprochen, dass die Alm von einer beeindruckenden Frau geführt wird, die kennenzulernen sich lohnen würde. Wenn ein österreichischer Touristiker von Almen und Sennerinnen schwärmt, sind Klischees meist nicht weit, und so hatte ich mit Dirndl, Schlagermusik und Streichelzoo gerechnet. Stattdessen taucht nun eine bescheidene, windschiefe Hütte mit einer winzigen Terrasse in unserem Blickfeld auf. Die junge Frau, die uns hereinbittet, trägt wider Erwarten auch keine Tracht, sondern einen Fleece Pulli, Arbeitshose und Wanderschuhe. Außer uns ist niemand da. Und als der Tee dampfend vor uns steht und Leni zu erzählen beginnt, tauchen wir endgültig ein: in das echte Leben und damit in Geschichten, die spannender sind als jedes Museum.

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Auf der Seekarrunde zur Plankensteinalm.

Geheimtipps im Dachstein Salzkammergut

Kaiserschmarrn wurde im Salzkammergut erfunden.

Alm statt Burnout

Leni arbeitet im Tourismusbüro in Gosau, als sie einem fast 20 Jahre älteren Bauern aus dem Ort ein Pferd abkauft. Die beiden werden ein Paar, kurz darauf zieht sie zu ihm auf den Hof, nur sechs Wochen später übernimmt sie die Alm mit all ihren Aufgaben. „Das war mächtig kaltes Wasser!“ Am Anfang hat sie Angst vor Kühen, nun muss sie sie melken, alleine, zweimal am Tag. Natürlich reden die Leute: „Von den Einheimischen sind Wetten abgeschlossen worden: Die schafft kein halbes Jahr.“ Das war vor sechs Jahren. Seitdem verbringt sie jeden Sommer hier oben. Und strahlt trotz der knochenharten Arbeit Zufriedenheit aus. Sie erzählt die Geschichte von einem Banker, der eines Tages alleine mit seinem E Bike hoch zu ihrer Alm kam. Leni ist beschäftigt mir der Geburt eines Kalbes, die Mutterkuh hat keine Wehen mehr. Der Banker muss mit anpacken, gemeinsam ziehen sie das Kalb auf die Welt. „Als das Kalb zu atmen begonnen hat, war er total baff. Eine Alm ist nicht nur Halligalli und Schnaps trinken, sondern da geht es um was.“ Und auch für Leni war das Erlebnis einschneidend: Seitdem spielt sie mit dem Gedanken, Burnout Patienten auf ihrer Alm unterzubringen. Leni hat selten mehr als 20 Gäste am Tag. Handyempfang gibt es nur ganz selten, ein mit Solarstrom betriebenes Radio ist das einzige „Fenster zur Welt“. Auch übernachten kann man bei ihr, wenn man bereit ist, auf jeglichen Luxus zu verzichten. Im Heu schlafen, die Ruhe genießen und morgens das Gesicht in eiskaltes Quellwasser tauchen? Am liebsten würde ich gleich bleiben. Aber auf uns wartet am nächsten Tag eine weitere Verabredung, wir müssen wohl oder übel weiterfahren.
Bei der Abfahrt zur Seekarrunde treffen wir zwei alte Bauern, die eine ausgebüchste Kuh zu ihrer Herde zurücktreiben. Gut gelaunt grüßen sie uns und verwickeln uns in ein Schwätzchen. Offenbar haben sie es nicht eilig. Erst als wir am Gosausee ankommen, holen uns die Touristen wieder ein. Warum neigen Menschen bloß dazu, sich auf engstem Raum zu tummeln, wenn doch schon wenige Meter weiter die Einsamkeit wartet?

Geheimtipps im Dachstein Salzkammergut_Christina Herbst

Extremsportlerin Christina Herbst

Extremsport und Postkartenkulisse

Unser Treffpunkt am nächsten Tag ist die Terrasse des Maislinger, einer Bäckerei im Herzen von Bad Goisern. Die Kuchentheke erinnert an feinste Wiener Kaffeehauskultur, und so ist es wenig verwunderlich, dass sich die Locals gerne hier treffen, um gemeinsam eine Tour zu starten. Unsere Verabredung erkennen wir von Weitem: blaue Haare, pinkfarbene Socken, buntes Trikot. Christina Herbst ist Extremsportlerin und auch, was ihr Äußeres angeht, nicht gerade zurückhaltend. Neben ihrem Job in einem Fitness Studio ist sie Mountainbike Guide. Uns nimmt sie heute mit auf ihre Lieblingstour, die Raschberg Runde. Während des ersten Uphills erzählt sie von ihrem Hobby: im Grunde Crosstriathlon, aber gerne die Extremvariante. Da kommen schon mal 180 Kilometer Rennradfahren, 3,8 Kilometer Schwimmen und 45 Kilometer Laufen über insgesamt 6.000 Höhenmeter zusammen. An einem Tag. Schon zweimal war sie bei der Crosstriathlon WM auf Hawaii am Start, und sie bestreitet Events in ganz Europa. Trotzdem kommt sie immer wieder in ihre Heimat zurück: „Ich bin gerne das Landei und schaue hin und wieder in die große weite Welt für einen Wettkampf.“ Sie erzählt, wie sie als Kind mit der Luftmatratze unterm Arm durch Bad Goisern gelaufen ist, sich in die Traun fallen ließ und zurück nach Hause trieb. Ihr Schwimmtraining absolviert sie bis heute am liebsten im Freien, im Hallstätter- oder Wolfgangsee, wobei … auf richtiges Training habe sie sowieso keine Lust: „Was ich beim Schwimmen verliere, hole ich dann ohnehin auf dem Rad wieder ein.“ Denn Radfahren, das kann man in ihrer Heimat immer noch am besten.
Wir haben mittlerweile den höchsten Punkt erreicht und starren ungläubig auf den Dachstein und den Gosaukamm. Da ist sie wieder, die Postkartenkulisse. Irgendwie auch verständlich, dass so viele kommen, um das mit eigenen Augen zu sehen. Unser Glück, dass sie dabei an zwei, drei berühmten Fotospots bleiben. Für uns geht es weiter durch das Auenland, durch tief eingeschnittene Schluchten, über holprige Trail Passagen bis nach Bad Ischl. Christina hat es dabei nicht nötig, uns ihre haushoch überlegene Fitness unter die Nase zu reiben. Den meisten Gästen erzählt sie nicht einmal, was sie so in ihrer Freizeit treibt. Erst wenn man sie auf ihre Waden anspricht, rückt sie mit der Sprache raus: „Ich sag dann immer: Ja, ich tu schon a bisserl was …“

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Die Raschberghütte ist nur am Wochenende bewirtet.

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Mountainbike Entdeckertour abseits der Postkartenkulisse.

Sorry, Sisi ...

Am Tag unserer Abreise beginnt der Aufbau für die Salzkammergut Trophy. Vom Maislinger aus beobachten wir das rege Treiben: Die Zieleinfahrt wird aufgebaut, neugierige Marathonfahrer beschnuppern die Gegend, namhafte Bike Hersteller rücken an, um ihre Zelte in der Expo Area aufzustellen. Wir werden später auch noch drüberschlendern – ausnahmsweise doch ein bisschen in die Menschenmenge eintauchen. In den letzten zwei Tagen haben wir genug Ruhe getankt, um das genießen zu können. Der Plan, all die berühmten Adressen links liegen zu lassen und uns an Einheimische zu halten, ist voll aufgegangen. Eine Extremsportlerin und eine junge Almwirtin sagen eben doch mehr über eine Gegend aus als eine noch so berühmte Kaiserin. Zwischen den Orten Bad Goisern, Gosau, Hallstatt und Obertraun und auch den umliegenden Salzkammergut Regionen verstecken sich in extrem abwechslungsreicher Landschaft unzählige Tourenkilometer, für die sich anscheinend kaum einer der Tagestouristen interessiert. Da es keine Lifte gibt, ist die Bergwelt ursprünglicher als an vielen anderen Orten. Hüttengaudi sucht man vergebens. Der Besucherstrom bleibt an ein paar wenigen Punkten und überlässt alles andere den Wanderern, Mountainbikern und E Mountainbikern. Und den Einheimischen, die einen herzlich empfangen.

Geheimtipps im Dachstein Salzkammergut
Geheimtipps im Dachstein Salzkammergut

Fair Play Regeln

1. Wir befahren nur markierte Routen zur vorgegebenen Zeit: 15. April bis 31. Oktober von 8 bis 18 Uhr

2. Wir halten die geltende Strassenverkehrsordnung (STVO) ein.

3. Wie respektieren andere Naturnutzer.

4. Wir hinterlassen die Natur, wie wir sie gerne vorfinden würden - ohne Abfälle.

5. Radfahren abseits der Routen und außerhalb der freigegebenen Zeiten macht uns zu illegalen Bikern.

Eine Empfehlung der Österreichischen Bundesforste, des Alpenvereins und der Region Dachstein Salzkammergut.

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Dachstein Salzkammergut

Winkl 34
4831 Obertraun am Hallstättersee

+43 50140
info@dachstein-salzkammergut.com
www.dachstein-salzkammergut.com