Bergwacht Berchtesgaden im Interview

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Rettung mit Rückenwind - Die Bergwacht Berchtesgaden im Interview

Mario von Ego-Kits hat uns bei seinem Besuch von einem Pilotprojekt in Berchtesgaden berichtet. Gemeinsam mit Maxx Bikes aus Rosenheim statteten sie die Bergwacht Berchtesgaden aus. Nach einer längeren Testphase ist die Bergwacht nun mit zwei speziell für sie ausgerüsteten E-Fatbikes unterwegs. Was die Anforderungen waren, wie sich die Bikes im Einsatz schlagen und was sie bringen erzählt uns Andi von der Bergwacht Berchtesgaden im Interview.

Bergwacht Berchtesgaden im Interview

Ann-Katrin Luh : Was ist eure Aufgabe bei der Bergwacht in Berchtesgaden?

Andreas Bauman: Die Bergwacht Berchtesgaden ist zuständig für die Rettung im unwegsamen Gelände. Das gesamte alpine Rettungsgeschehen bis hinein ins Watzmanngebiet, zusätzlich auch noch die Wander- und Radwege im Talkessel.

Ann-Katrin Luh : Wie viele Leute seid ihr?

Andreas Bauman: Wir sind aktiv 30 Bergretter und zusätzlich ein paar Inaktive und Senioren.

Ann-Katrin Luh : Ihr nutzt seit einiger Zeit Mountainbikes mit Ego-Kit. Seit wann genau?

Andreas Bauman: Die ersten Testfahrten haben wir im Frühling 2015 vorgenommen. Wir haben zu dem Zeitpunkt verschiedene Typen in unserem Einsatzgebiet probiert. Im Juni 2015 hatten wir dann den ersten Einsatz und im August 2015 haben wir dann unsere eigenen Räder in Auftrag gegeben. Eine Kooperation von Maxx Bikes in Rosenheim und Ego-Kits. Wir haben uns dann für Fullys mit Fatbikebereifung entschieden, das war für uns die Ideallösung.

Ann-Katrin Luh : Wie kam es zu der Idee und Kooperation?

Andreas Bauman: Wir haben in dem Bereich viel ausprobiert. Wir hatten erst Motocrossmaschinen, doch waren diese zu laut. Trialmaschinen hatten ähnliche Probleme. Anschließend haben wir Elektrotrialmaschinen getestet. Das hat an sich gut funktioniert, allerdings war das Gewicht der Maschinen einfach limitierend, ebenso wie der Preis. Wir haben immer mal wieder Schiebepassagen, und bei 70 Kilo+ ist das nicht möglich gewesen. Schließlich sind wir auf die Ego-Kits gekommen. Wichtig war uns die Naturverträglichkeit, da wir uns ja auch im Nationalpark bewegen. Mit den Ego-Kits haben wir keinen Lärm, keine Abgasentwicklung und kommen auch in unwegsameres und ausgesetztes Gelände. Die Kooperation war von Anfang an wirklich gut. Daniel und Mario waren eine Woche nach der ersten Anfrage schon bei uns. Wir konnten ausgiebig mit ihnen testen, und außerdem sind sie mit ihrem Sitz in Salzburg in direkter Nähe, wenn es mal Probleme gibt. Auch bei Maxx Bikes war uns das wichtig. Darüber hinaus funktioniert die Kooperation einfach sehr gut, da es bei beiden Chefsache ist.

Bergwacht Berchtesgaden im Interview

Ann-Katrin Luh: Bei welchen Einsätzen bzw. Tätigkeiten könnt ihr die Bikes einsetzen?

Andreas Bauman: Im Sommer bei schönem Wetter gibt es keine Probleme, da wir eigentlich überall mit dem Hubschrauber hinkommen. Gerade bei schlechtem Wetter und Nebel können wir aber mit dem Hubschrauber kaum arbeiten, und dann ist das Bike unser Mittel der Wahl. Gerade bei Unfällen auf Wegen, auf denen wir mit dem Auto nicht vorankommen. Wir waren selber erstaunt, welche Wege damit möglich werden. Das hilft uns bei der Rettung enorm. Zwar können wir Patienten nicht transportieren, aber wir können mit medizinischem Personal und einem riesigen Zeitgewinn schon mal zur Versorgung vor Ort sein.

Ann-Katrin Luh: Wie sind die Erfahrungen mit der Technik?

Andreas Bauman: Für uns war es spannend, was wir doch an Defekten hatten. Die Antriebe sind teilweise aufgrund der großen Kraft sehr verschleißanfällig. Da arbeiten wir sehr eng mit der Industrie zusammen und geben unsere Erfahrungen und auch Anforderungen weiter.

Ann-Katrin Luh: Wie viele Einsatztage haben die Bikes pro Saison?

Andreas Bauman: Es sind ca. 10 Einsätze von 350, bei denen wir die Bikes tatsächlich brauchen (wobei der größte Teil ca. 300 im Sommer sind). Das klingt durchaus erst einmal wenig, aber es ging dann wirklich um Schlechtwettertage, an denen uns der Zeitvorteil viel gebracht hat. Teilweise nutzen wir die Bikes auch, wenn wir Vermisste suchen, da wir lautlos durch den Wald rollen und noch rufen und hören können.

Ann-Katrin Luh: Habt ihr spezielle Anpassungen an den Bikes vorgenommen?

Andreas Bauman: Speziell für uns entwickelt wurde eigentlich nichts. Wir haben vorhandene Bauteile genommen und entsprechend zusammengestellt, also einfach Vorhandenes an unsere Bedürfnisse angepasst. Wichtig sind für uns auf jeden Fall die fetten Reifen, da wir damit wesentlich sicherer und auch wegschonender unterwegs sind. Weder auf Schotterstraßen noch auf Wanderwegen hinterlassen wir Spuren.

Bergwacht Berchtesgaden im Interview

Ann-Katrin Luh: Wart ihr davor schon mountainbiken oder habt ihr euch auch fahrtechnisch erst mit dem Thema auseinandersetzen müssen?

Andreas Bauman: Im Prinzip fährt fast jeder von uns Mountainbike. Wir haben uns aber schon sehr dran anpassen müssen, gerade weil keiner von uns bislang sehr technisch unterwegs war.

Ann-Katrin Luh: Bemerkt ihr einen Anstieg an Unfällen mit Mountainbikes oder E-Mountainbikes?

Andreas Bauman: In unserem Bereich können wir das nicht bestätigen. In anderen Sektionen ist das angeblich so, aber in Berchtesgaden passiert weder mit Mountainbikes noch mit E-Bikes mehr. Da können wir uns klar gegen die Befürchtungen aussprechen, dass es da größere Anstiege geben wird.

Ann-Katrin Luh: Wo finden Unfälle statt und was sind die Ursachen?

Andreas Bauman: Das ist für uns schwer einzuschätzen, da wir nicht allzu viele Unfälle haben. Überschätzung und zu hohe Geschwindigkeiten sind es aus unserer Erfahrung eigentlich nicht. Die geringe Anzahl hängt aber vielleicht auch damit zusammen, dass das Biken im Nationalpark verboten ist und damit insgesamt weniger Mountainbiker hier unterwegs sind.

Ann-Katrin Luh: Wie steht ihr im Allgemeinen zur Nutzung von E-Bikes?

Andreas Bauman: Wir persönlich sind da sehr positiv, die meisten von uns besitzen auch eins. Als Bergwacht haben wir auch kein Problem damit, gerade weil es keine Probleme bei uns gibt. Auch die Bevölkerung hat da kaum noch Vorurteile. Ich finde die Nutzung gerade in Verbindung mit großen Bergtouren spannend.

Bergwacht Berchtesgaden im Interview
"Gerade der Zeitvorteil bei der Erstversorgung und die Möglichkeit bei Schlechtwetter sind für uns unerlässlich"

Ann-Katrin Luh: Was würdet ihr euch beim Verhalten der Erholungssuchenden wünschen?

Andreas Bauman: Wir wünschen uns, dass die Besucher die regionalen Regeln akzeptieren, was auch wirklich gut funktioniert. In den Anfangszeiten des Mountainbikens hat es da auch mehr Probleme gegeben als jetzt. Gerade Besucher aus dem Flachland sollten sich einfach sachte herantasten, da das Gelände einfach steiler ist und besonders Schotterwege tückisch sein können.

Ann-Katrin Luh: Welche Tour kannst du um Berchtesgaden empfehlen?

Andreas Bauman: Sehr lohnend ist der Ausflug auf die Gotzenalm mit Blick auf den Königssee. www.gotzenalm.de